Markenversprechen in der Krise: Airlines & Telekom
Markenversprechen in der Krise: Airlines & Telekom
Thomas Ramseier

Kundenfrust bei Airlines und Telekoms: Wie Markenversprechen zur leeren Hülle werden

Immer häufiger stellt sich die Frage: Wird Kundenzentrierung tatsächlich gelebt, oder bleibt sie ein hohles Schlagwort? Die Wahrheit ist: Kundenzentrierung ist schwer. Doch ausgerechnet in zwei Branchen scheint sie nie wirklich angekommen zu sein. Airlines und Telekom-Gesellschaften bieten ein ernüchterndes Beispiel dafür, wie gross die Kluft zwischen Anspruch und Realität sein kann.

Ignoranz gegenüber den echten Bedürfnissen der Kunden

Hier liegt der Kern des Problems: Viele Unternehmen dieser Branchen scheinen die Perspektive ihrer Kunden nicht nur zu übersehen, sondern bewusst auszublenden. Statt Relevanz steht Effizienz im Fokus. Das Ergebnis? Unverständliche Tarifstrukturen, reduzierte Service-Angebote, endlose Warteschleifen, versteckte Kosten. Schauen wir uns die Airlines an: Zusatzgebühren und komplizierte Buchungssysteme sind Alltag. Parallel dazu werden Service- und Produktleistungen konsequent reduziert: Warum braucht es fünf Flugbegleiterinnen, wenn nur eine Flasche Wasser – ohne Glas oder Becher – serviert wird? Auf den kostenpflichtigen Kaffee und die Snacks der Kooperationspartner kann verzichtet werden, und der Duty-Free-Wagen gehört ohnehin längst abgeschafft.

Was passiert mit einer Marke, die nicht einmal die rationalen Bedürfnisse ihrer Kunden erfüllt, geschweige denn deren emotionale Sehnsüchte? Die Antwort ist simpel: Sie scheitert. Wer Kunden als lästiges Übel behandelt statt als Partner, der schaufelt sich sein eigenes Grab. Vertrauen verpufft, Loyalität erodiert – und das mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Transparenz? Fehlanzeige. Fairness? Ein Fremdwort. Zuverlässigkeit? Reine Glückssache. Wer schon die Basics nicht beherrscht, kann sich emotionale Bindungen, die wahre Loyalität schaffen, endgültig abschminken.

Auch Telekom-Gesellschaften glänzen mit perfider Raffinesse: Verträge werden als “einfach” vermarktet, entpuppen sich jedoch als intransparent und kompliziert. Zusätzliche Roaming-Pakete sind manchmal technisch nicht erwerbbar, und Datenpakete verdampfen innerhalb weniger Stunden. Diese Praktiken zeugen von einer Haltung, die Kunden eher als Problem denn als Partner betrachtet.

Kunden als unmündige Bittsteller

Der wahre Skandal? Der Umgangston. Die Haltung. Viele Unternehmen behandeln ihre Kunden wie Kinder, denen man die Welt erklären muss. Endlose Warteschleifen in Call-Centern setzen dem Ganzen die Krone auf: Geduld ist gefragt, während Kunden das Gefühl haben, in einer Service-Warteschleife gefangen zu sein. Airlines entscheiden willkürlich, welcher Service gerechtfertigt ist. Verspäteter Flug? Gepäck verloren? Viel Erfolg beim Durchkommen. Bei Telekom-Anbietern dasselbe Spiel: starre Systeme, unflexible Vertragskonstrukte, Frust auf der ganzen Linie. Kunden fühlen sich entmachtet, bevormundet und ausgenutzt.

Der fatale Bruch zwischen Marke und Realität

Und dabei investieren diese Branchen massiv in ihre Marken. Hochglanzkampagnen mit tanzenden Pärchen in schicken Flugzeug-Kabinen oder den bekanntesten Schweizer Ski- und Tennisstars malen das Bild von Nähe und Exzellenz. Doch die Realität? Eine Marke wie Swiss, die “all the way” verspricht, schickt ihre Kunden in einen Air Baltic-Flieger oder annulliert Flüge nach stundenlanger Verspätung mangels Ersatz-Crew. Die Enttäuschung ist unvermeidlich.

Jean-Christophe Babin von Bulgari bringt es auf den Punkt: “Marken, die ihre Kunden nicht verstehen, verlieren langfristig ihre Relevanz.” Marken sind mehr als Marketing. Sie sind der Massstab, an dem jede Interaktion gemessen wird.

Warum scheitert es?

Die Gründe sind vielfältig. Airlines kämpfen mit geringen Margen, Telekom-Anbieter mit regulierten und überkomplexen Märkten. Das führt zu einem Fokus auf Kostenkontrolle – und zu Lasten der Kunden. Dazu kommt der fehlende Mut: Mut, bestehende Systeme zu hinterfragen und echte Innovationen voranzutreiben. Und – noch gravierender – das fehlende Markenverständnis: Wie positioniere ich mich? Wie unterscheide ich mich? Marken, die ihre Identität nicht schärfen, verlieren an Relevanz und Differenzierung. Das größte Versäumnis bleibt jedoch, das Markenversprechen als Führungsinstrument zu etablieren. Ohne diese Verankerung bleiben alle Initiativen Stückwerk.

Wie geht es besser?

Es braucht einen radikalen Wandel:

  1. Schluss mit der Komplexität: Produkte und Prozesse müssen transparent und nachvollziehbar sein. Unternehmen müssen ihre internen Strukturen analysieren und Hindernisse beseitigen, die die Kundenerfahrung erschweren. Das heisst: keine versteckten Kosten, keine komplizierten Tarife, transparente Information. Digitale Lösungen müssen intuitiv und kundenfreundlich sein. Transparenz schafft Vertrauen – und Vertrauen ist die Grundlage jeder Kundenbeziehung.
  2. Kunden ernst nehmen: Kunden sind keine Zahlen in einem System. Unternehmen müssen aktiv zuhören, Feedback ernst nehmen und es in die Produktentwicklung einfliessen lassen. Es reicht nicht, oberflächliche Multiple-Choice-Umfragen durchzuführen, die den Eindruck erwecken, dass die Meinung der Kunden gar nicht wirklich interessiert. Echte Partnerschaft entsteht, wenn Kunden das Gefühl haben, geschätzt zu werden. Das bedeutet auch, auf Augenhöhe zu kommunizieren. Ein ehrlicher, lösungsorientierter Kundenservice macht oft den entscheidenden Unterschied.
  3. Marke als Zentrum der Führung: Das Markenversprechen muss zum Leitstern der Unternehmensstrategie werden. Es darf keine isolierte Aufgabe des Marketings bleiben. Kundenzentrierung ist auch eine Frage der Unternehmenskultur: Unternehmen müssen Werte leben, die Kundennähe und Empathie fördern. Nur so wird ein Markenversprechen glaubwürdig und zu einem Instrument für nachhaltigen Erfolg.

Der entscheidende Wendepunkt: Jetzt oder nie

Kundenzentrierung ist keine Option. Sie ist Überlebensstrategie. Airlines und Telekom-Gesellschaften stehen an einem Scheideweg. Die Kunden haben höhere Ansprüche, weniger Geduld – und mehr Alternativen. Unternehmen, die ihr Markenversprechen konsequent als Führungsinstrument einsetzen, können Anspruch und Wirklichkeit in Einklang bringen. Markenversprechen müssen mehr sein als (leere) Worte: Sie sind Verpflichtungen – und diese müssen durch entsprechendes Handeln erfüllt werden.

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